Von GenerationsViren bzw. -Traumata und einer möglichen heilenden Beziehung dazu

Aktualisiert: Jan 6


Um einen Kontext zu schaffen, möchte ich zum Einstieg kurz etwas aus meiner Familiengeschichte erzählen, die anderen Familiengeschichten bestimmt auf die ein oder andere Weise sehr ähnelt. Es ist eine Geschichte von Täter- Opfer-Täter- Dynamiken und von Verantwortung Abgeben.

Fühle ich tiefer in meinen Stammbaum, dann fängt das alles weit vor der Generation meiner Großeltern an, aber für mich hat es ab da eine besondere Schlagkraft. Als mein Großvater ein Kind war, wurde er wie viele andere im Krieg schwer traumatisiert. Später wurde er zum Alkoholiker und zum psychischen, physischen und sexuellen Gewalttäter. Seine Frau wurde sein Opfer, war Mittäterin und Täterin. Alle Kinder der beiden sind ebenfalls traumatisiert. Darunter meine Mutter, die einzige Tochter, von der ich glaube, dass sie auf eine besonders harte Weise unter der Familiendynamik litt. Das Suchtthema ist ein hartnäckiger Familienfaden, wie eine chronische Metastase, die von Generation zu Generation weiterwächst und für mich als Kind und später als junge Erwachsene Alltag, Wahnsinn und Normalität war.

Meine Mutter war auf besondere Weise Opfer ihres Vaters und auf andere besondere Weise Opfer ihrer Mutter, da diese ihre Tochter opferte, um selbst aus der Schusslinie treten zu können. Bis zu ihrem Tod hat meine Mutter darüber geschwiegen und dabei laut geschrien, denn sie sah ihre Umgebung ständig durch einen potentiellen Täter/ Retter-Linse. Jede Person, die ihr nah stand, war für sie mal mehr, mal weniger Täter oder Retter und so bestand ihr Leben aus Abwehr und unstillbarer Bedürftigkeit. Ihr Energiefeld, in dem ich aufwuchs, war verqualmt von ihren unverdauten Kindheitstraumata und den unverdauten Kindheitstraumata ihrer Eltern und immer so weiter. Ein Paradebeispiel dafür, wie Eltern meist zu fast 100% vorleben und lehren, Verantwortung abzugeben, indem man den Schmerz und die Ausdünstungen seiner eigenen Wunden anderen gewaltbereit in der Hoffnung aufdrückt, dass der eigene Schmerz nicht mehr gefühlt werden muss. Im Grunde genommen war und ist das ein weitverbreiteter Erziehungsstil, der vermitteln soll: Du bist stark, wenn Du nicht mehr fühlst. Diese weitergegebene Pseudo-Stärke ist für mich die Basis dafür, dass Opfer zu Tätern werden können.

Diese Täter- Opfer-Täter –Dynamik fortführend hat meine Mutter mich auf energetische, psychische, physische und sexuelle Weise missbraucht. Das, was sie selbst nicht ertragen hat, probierte sie nach außen hin loszuwerden und erschuf so einen weiteren Kreis aus Opfern und Gewalt. Ihre unbewusste Rechnung ist nicht aufgegangen. Sie starb vor einem Jahr qualvoll und allein. Für mich starb sie, wie sie lebte: Ein Leben und Sterben voller verschiedener Arten von Gewalt. Gewalt im Inneren und Gewalt im Außen.


Seitdem ich selbst Mutter bin, probiere ich nun seit Jahren, diesen Generations-Virus meiner Familie in mir zu erkennen und zu heilen, um diesen zähen Familien-Metastasen den Nährboden zu entziehen und meiner Tochter zu ermöglichen, in einem Energiefeld aufzuwachsen, was nicht von den Generationen davor verseucht ist. Und so prozessiere ich in diesem Kontext seit gut zehn Jahren mit Ionas Hilfe (ein unendlich großes Dankeschön, dass es sie gibt) alles, was mir zu meinen Lebzeiten mit meiner Mutter, ihren Männern und ihren Eltern passiert ist. Man könnte sagen, dass dieses Thema nun nach so langer Zeit zu einem großen Maß abgeschlossen sein könnte. Aber stimmt das?

Nach dem Tod meiner Mutter vor einem knappen Jahr konnte ich plötzlich und zum ersten Mal das Ausmaß der sexuellen Gewalt in ihrer Kindheit erfassen. Die Erkenntnis fühlte sich an wie ein großer Brocken (der eigentlich meiner Mutter und nicht mir gehören sollte), der mir schwer im Magen lag. Ich merkte, ich habe das Thema immer noch in mir und es nicht abgeschlossen. Vor einiger Zeit ergab es sich, dass ich mit einer Psychologin darüber sprach. Sie meinte dazu, ich hätte doch meine eigene Geschichte schon so gut verarbeitet, warum würde ich mir denn die Missbrauchsfälle anderer Familienmitglieder vor meiner Geburt reinziehen. Ich könnte mich doch auch umdrehen und (Zitat) „dieses Theaterstück verlassen“. Ich wurde wütend. Zum einen, weil ich fühlte, sie hat in einem Punkt Recht und zum anderen, weil mir etwas Bedeutendes an ihrem Rat fehlte.

Zum ersten Punkt: Das Thema ist in der Tat so sehr meins, dass es sich auf eine ungesunde Art heimatlich anfühlt. Ich kenne dieses erschreckende „Theaterstück“ so gut, dass es sich auf eine schräge Weise sicher anfühlt, da sitzen zu bleiben. Das hat verschiedene Gründe. Ich bin Gewalt gewöhnt. Ich bin auch Gewalt an mir selbst gewohnt. Es ist schwer, zu ertragen und doch noch manchmal normal, meine Kraft gegen mich zu richten anstatt sie für mich einzusetzen. Und weil diese ungesunde Normalität doch noch in mir steckt, heile ich mich manchmal mit Druck und Gewalt a la, dass muss ich mir jetzt reinziehen, dies und jenes muss ich jetzt damit machen, damit ich es verdauen kann, damit ich es dann verarbeitet; ich es hinter mir habe. Diese Ich- muss …. , -damit …. - Dynamik kenne ich gut. Auch wenn es um Heilung geht und eine bestimmte Art von Druck angemessen sein kann, hat diese eben beschrieben Heilungsdynamik etwas Gewalttätiges.

Was wäre, wenn man das nicht mehr mit (sich) macht? Was wäre, wenn man sich an schrägen Dynamiken, Problemen, Traumata und Familiengeschichten nicht mehr festklammert, um…. wie es das Kollektiv meiner Familie im Kontext von Co- Abhängigkeiten tut? Und wenn ich darüber nachdenke, dann ist meine Familiengeschichte eine von so vielen und besteht unserer Gesellschaft nicht genau aus solchen Familien, in denen Gewalt auf die eine oder andere Weise weitergegeben und daran festgehalten wird? Das bedeutet, wenn man das nicht mehr mit (sich) macht, dann steigt man nicht nur aus seiner Familiendynamik aus, sondern auch aus einer Dynamik, die in unserer Gesellschaft normal und verankert ist. Man sagt also allumfassender Nein, zu nächsten Runde strategischer Harmonie; Nein zu nächsten Runde Selbstverrat, kollektives Verleugnen und nicht Fühlen; Nein zur nächsten Runde Gruppenzwang und Selbstgewalt; Nein zur nächsten Runde Pseudo-Stärke; Nein zu nächsten Runde Theaterstück, in dem jeder seine Rolle ausfüllt und trotzdem unerfüllt bleibt.

Nein zu sagen, kann schwer sein, vor allem wenn man zu einer Normalität und einem gesellschaftlichem Kollektiv Nein sagt und dabei keiner Gegenmasse mit einer Gegennormalität angehört, sondern nur für sich selbst spricht. Ich fühle mich dann oft allein und verletzlich, es macht mir Angst und wirft mich mehr auf den Boden meiner eigenen Individualität. Der Fall dahin ist sehr unangenehm. Aber dort immer wieder angekommen und tief durchgeatmet, ist die Luft frisch und duftet ziemlich gut und einzigartig nach mir und erfüllt mich mit mir selbst. Sich dahin fallen zu lassen und dann in seiner Individualität von sich selbst erfüllt stehen zu bleiben und angeschaut zu werden, ist immer noch sehr ungewohnt, macht Angst, fühlt sich nackt an und erfordert stetig neuen Mut. Leicht ist dieser Weg nicht, ganz im Gegenteil. Daher fällt es mir noch immer schwer, Theaterstücke nachhaltig zu verlassen.


Zum zweiten Punkt: Aber auch wenn ich das Gewalt Theater meiner Familie sehr gerne endgültig verlassen möchte, bedeutet das nicht, dass ich es abschließen kann; dass ich aufstehen, mich umdrehen und gehen kann, und dann hat das endlich nichts mehr mit mir zu tun. Diese Art zu Gehen fühlt sich ebenso nach Gewalt an. „Es“ hinter sich lassen, es wegschieben, wegschmeißen, „es“ endlich so loswerden, dass es einen nicht mehr (be)trifft. Das ist oft das Ziel von Heilung. Und das Ziel macht Druck beim Heilen. Heilungsdruck.

Nach dem ich mich in meiner Gewalt an mir Selbst mehr darin fühlen und sehen konnte, dass ich mich z.T. mit dieser Selbstgewalt von Gewalt heilen will, ist mir etwas klargeworden:

Etwas mit dem Ziel zu heilen, dass man danach nichts mehr damit zu tun hat, bringt nichts. Heilung in ein Konzept, in ein Ziel zu pressen, ist nur eine weitere Form von Gewalt. So wird Heilung durch eine Linse betrachtet, die im Kontext des Konzeptes Sinn hat, aber mit der Realität nicht in Beziehung ist. Heilung ja, aber mit Konzeptdruck nein. Denn wenn ich eins in den letzten zehn Jahren InDivinality erfahren habe, dann dass die eigene Vorstellung von Heilung nicht bestätigt, was Heilung „am Ende“ ist. Heilung wird das Konzept, was es von Heilung gibt immer übertreffen, da Heilung sich nicht in eine Form pressen lässt, sich nicht an etwas anpasst, freier, tiefer, weiter, allumfassender, vielseitiger, einzigartiger ist, als man sich vorstellen kann. Daher erinnert sie mich ans Universum.


Und mit diesem Gefühl von universeller Weite sitze ich hier und das Festklammern an Generationstraumata fühlt sich nicht mehr stimmig an, aber aufzustehen und dass was es mit mir gemacht hat, auszuspucken und zu gehen, ohne mich umzudrehen, hat etwas pseudo-starkes, selbstgewalttätiges und würdeloses.

Ich kann meine eigene Geschichte beim Weitergehen tragen ohne sie loswerden zu wollen. Und das kann ich mit den Geschichten der Generationen vor mir auch, auch wenn es umso schwerer und ungerechter scheint, umso mehr die Eltern und Großeltern keine Verantwortung übernehmen wollten. Von meinem Platz aus und der Art und Weise, wie ich weitergehe, geht es darum gar nicht mehr. Da ist es, wie es ist und die Frage ist nicht mehr, wer ist schuld, wer ist scheiße, wer hätte, wer hat und wer hat nicht, sondern kann ich loslassen und gleichzeitig die Bedeutung fühlen, die es für mich hat, weil die Geschichten meiner Vorfahren meine Geschichte zu der gemacht haben, die sie heute ist. Dürfen diese ganzen Geschichten weiter für mich Bedeutung haben? Darf es mich berühren und bewegen, darf es mich (be) treffen , darf es weh tun, obwohl es nicht (mehr) mein „Theaterstück“, nicht mehr meine Familiendynamik ist? Ja, das darf es. Und so merke ich, dass Loslassen in der Tiefe bedeutet, beim weiter-seinen-Weg-gehen die Bedeutung zu fühlen, anstatt sie mit Gewalt hinter sich zu lassen. Dass Loslassen Beziehung, Unabhängigkeit und Freiheit bedeuten kann. Dass ich zu den Geschichten meiner Kindheit und der meiner Vorfahren eine bedeutsame Beziehung haben kann, ohne dass sie größer sind als ich, ohne von ihnen bestimmt und gelenkt und in meiner Individualität unterdrückt zu werden. Und das Ziel aus dem Kontext des Heilungsdrucks – „es“ endlich loszuwerden- erscheint auf dieser Art des Gehens gar nicht mehr wünschenswert, wichtig und sinnvoll.



Von Mara Höfs - von dem inneren Platz von Helen (Dezember 2020)



P.S. In Überlegung, ob ich diesen Artikel anonym veröffentliche oder mich oute, möchte ich sagen, dass es allein meine Sichtweise auf die Realität meiner Familiengeschichte ist und andere Familienmitglieder*innen diese Realität eher nicht teilen würden, denn deren Realitätswahrnehmung ist eine andere. Das macht das Dazustehen natürlich schwer- aber nun sage ich zu meiner Mutter, meinen Großeltern und allen anderen, die Verantwortung hatten:

Ihr habt mir eure Realität nie im Kontext der Eigenverantwortung gezeigt. Das hat meine Realität zu der gemacht, die sie für mich ist. Ich durfte nie wirklich emotional in eurer Nähe sein. Eure Essenzen, eure Liebe, eure Lebensfreude blieb mir verborgen, bestenfalls zischte sie mal durch die Ritzen eurer Mauern oder ich konnte sie erschnuppern und erahnen, bei wenigen etwas mehr, bei den meisten weniger. Eure Schatten aber, die habe ich kennengelernt. Sie fühlen sich für mich an, wie eine Schlangengrube. Meine Wahrheit über euch ist das, was ich fühle. In Bezug auf das Schweigen, auf das, was zwischen den Zeilen steht, in Bezug auf die Energien, wie schnell und laut geredet wurde und in Bezug darauf, was ihr getan und nicht getan habt. Dass, was ich fühle, ist für mich Wahrheit, unabhängig davon, wie ihr meine Realität formen wollt, damit es für euch angenehmer wäre. An meine Mutter: Nur, weil du es ständig wiederholt hast, ist es nie wahrer geworden.

Nein K. , ich hatte keine gute Kindheit und ich komm nicht aus gutem Hause!

Es hat schrecklich weh getan.

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