Meine erste große Liebe



Als Kind hat man den Glauben oder fast die Gewissheit, dass da draußen in der Welt etwas Großes auf einen wartet. Dass man darauf vorbereitet und dafür gestärkt wird, dass man Wünsche erfüllt bekommt und dass einem auf seinem Weg geholfen wird, weil es Erwachsenen wichtig ist einem zu helfen. Einen auf dem eigenen Weg zu begleiten, bis man alleine gehen kann. Selbst, wenn man ständig gegenteilige Erfahrung macht, bleibt diese Gewissheit doch sehr lange, denn man weiß, das es Wunder gibt und das eines Tages...


Meine Gewissheit starb früher als bei anderen und trotzdem frage ich mich heute beinahe, wie sie unter diesen Umständen so lange hat durchhalten können.... Sie starb Stück für Stück...

Es fing in der ersten Klasse an, als ich damit begann, mir immer das Gegenteil zu wünschen, von dem was ich mir erhoffte. Dies tat ich aus zwei Gründen: Einmal weil sowieso immer das Gegenteil von dem, was ich wollte, eintraf und ich somit die Möglichkeit hatte, mein Schicksal auszutricksen. Und zum anderen; wenn es so kam, wie ich mir strategisch wünschte, dann bildete ich mir ein, nicht so enttäuscht zu sein, wenn nicht das eintraf, was ich heimlich erhoffte. Denn ich hatte mir ja schließlich auch das Gegenteil gewünscht und mich so darauf vorbereitet. Wenn doch mal das heimlich Erhoffte passierte, war die Überraschung um so schöner....

Dies war nicht einfach nur ein Spiel, das war ernst und es wurde so normal, dass ich irgendwann überhaupt nicht mehr wüsste, was ich mir tief in der Seele eigentlich wirklich ersehnte. Hätte mich jemand gefragt, was nie jemand ernsthaft tat, dann hätte ich aufzählen können, was ich alles nicht will, aber nach was ich mich sehnte, hatte ich mit der Zeit vor mir selbst versteckt. Ich wollte z.B. nicht umziehen, als ich 14 Jahre alt war. Ich wäre lieber in ein Heim gegangen, was ich laut hinaus schrie, was aber nicht meiner wahren Sehnsucht entsprach.

Mein Wille „Dagegen!“ wurde groß, wie bei anderen Liebe und Leidenschaft Für-etwas. Ich sprang während der Fahrt aus dem Umzugsauto und versteckte mich in leerstehenden Häusern, bis man mich doch wieder einfing und mich wortlos im Auto einschloss und mich mitnahm, ohne mich wirklich dabeihaben zu wollen. Angekommen kletterte ich jede Nacht aus meinem Zimmerfenster, um auf dem Friedhof zu gehen dort zu rauchen und mit den Toten zu sein. Mein Lieblingsplatz war ein Kindergrab.


Es begann eine lange, lange Phase, in der ich so gut wie furchtlos war. Ich kannte keine Angst und diese Angstlosigkeit ließ meinen Willen nur noch mehr wachsen... Sie wurde zu einem blinden Mut, der mir als 16-jähriges Straßenkind das Überleben sicherte, der eine Eintrittskarte in meine Welt der Rettung war, in der ich ohne meinen Willen auf andere Weise gestorben wäre....

Kurz, es war notwendig, meine Angst loszuwerden. Das wusste ich schon sehr früh, denn mit Angst im Nacken ohne jemanden, der sie mit einem fühlt, kommt man, nur auf sich gestellt, in einer harten, rauen Welt als Minderjährige nicht weit.

Angst begleitete mich meine ganze Kindheit. Ich hatte Angst vor meiner Mutter und um sie, zum Teil muss es panisch gewesen sein und verzweifelnd. Ich hatte Angst, weil ich sehr viel allein war, schon als Baby und ich hatte Angst vor allen Männern meiner Mutter. Jede dieser MännerÄngste hatte einen ganz eigenen individuellen Geschmack. Zum Teil war es ein Geschmack von blanken Horror, Wahnsinn und Brutalität. Auch bei meinem alkoholkranken, aristokratischen Großvater lag ein ähnlicher Geschmack in der Luft. Ich hatte Angst, weil ich mehr und mehr wusste, dass mich niemand beschützt, dass ich allein war, egal wie viele Menschen es in meinem Umfeld gab. Meine Angst wuchs, weil ich immer deutlicher fühlte, dass mich keiner so sehen wollte, wie ich war. Die mir nahestehenden Erwachsenen projezierten ihre eigenen Schatten auf mich. Und egal wie gut ich zu zeigen versuchte, wer ich wirklich war, ich war nie gut genug und um so mehr ich probierte, besser zu werden oder noch deutlicher zu zeigen, wer ich wirklich war und was ich zu schenken hatte, um so schlechter war ich in ihren Augen. Ich stand so unter Druck, das mir irgendwann mehrere Sicherungen durchbrannten. Ich hatte drei Nervenzusammenbrüche und fing an mich zu ritzen, ich entwickelte einen Duschzwang, bei dem ich bis zu acht mal am Tag duschte und war mit 12/13 Jahren Kopfschmerztabletten abhängig. Ich schaute viel auf auf den Boden und hatte Angst nach Hause zu gehen. Ich saß stundenlang am Bahnhof und schaute den Menschen beim weggehen und wiederkommen zu....

In mir muss ich gewusst haben, das es nur zwei Wege gibt. Entweder ich lande in der Klapse und drehe völlig durch oder ich breche aus. Denn dass niemand da war, der sich für mich auf ehrliche Weise interessierte und der mir helfen würde, das hatte ich begriffen.... Ich war am Anfang meiner Jugend so überwältigt von der Verlorenheit in der ich steckte und die vor mir lag, das jegliche Hoffnung darin ertrank.... meine Angst hielt mich gefangen, lähmte mich, weil ich so unendlich allein mit ihr war.

Ich machte dasselbe wie in der ersten Klasse. Ich machte aus dem Echten das Gegenteil. Ich machte aus Gutheit Aufsässigkeit und Rebellion und aus fassettenreicher, erwürgender Angst angstmachende Angstlosigkeit.... Die Kraft und Macht der Angst nahm ich mit in die Angstlosigkeit und so wurden aus vergessenen Sehnsüchten und panischer Angst ein kraftvoller Wille, der das Wofür vergessen hatte und nur noch das Dagegen! wusste, der mutig und blind aus einer grausamen Welt floh, in eine mörderische andere Welt hinein....

In dieser mörderischen Welt außerhalb meiner KindheitsWelt war ich furchtlos einsam, vollgepumpt mit Drogen und von PartyMenschen umgeben, für die das Leben ein Spiel war, wie Russisch Roulette. Ich spielte mit Leichtigkeit mit und hatte Spaß, denn ich hatte schon so viel verloren, was sollte man mir noch groß nehmen? Für mich war mein Leben trotzdem bitterer Ernst, denn ich hatte kein Zuhause, keine Eltern, keine Zukunft.... und irgendwie fehlte was. Ich war getrieben auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war..... bis ich es fand.... meine erste große Liebe der Paradigmen.... Es war die Welt des Punk... und noch heute und jetzt beim Schreiben füllt Liebe mein Herz und meine Augen mit Tränen, wenn ich daran denke, wie ich dort endlich ein Zuhause fand. Eines, was ich nie zuvor hatte.... man nahm mich auf, man kämpfte für mich, um mich, mit mir.... man meinte wirklich mich, denn Punks verschenken ihr Herz und ihr Vertrauen nicht einfach so, für sie ist das ganze kein Spiel. Als Punk geht es einem um was.


Steff, das kantige, verruchte, wunderschöne PunkMädchen, mit den traurig-frechen Augen, das mich an die Hand nahm und mich wie eine Schwester lachend, schützend und auf hartherzliche Weise in ein... in unser...in mein zu Hause brachte. Sascha, ein 12jähriges Straßenkind, der sein Leben für meine Freiheit gegeben hätte und mit dem ich gemeinsam so verloren war, wie Hänsel und Gretel. Torty, der mit mir den Wahnsinn teilte und mir zeigte, das es erwachsene, klar- bezogene Verlässlichkeit gibt; der erste Erwachsene, dem es mit dem Leben und dem Tod und mit mir bewusst ernst war. Jörg und Paul, mit denen ich eine Einheit, eine Familie wurde, die durch jedes Feuer ging. Ich fühlte mich mit ihnen wie in einem sicheren, geborgenem Nest, auch auf der heftigsten, brutalsten AntiFaDemo... bis das Heroin kam. Bubi, der einmal offen vor Freude weinte, als ich zurück kam. Weisswasser und Mike, die mich durch ihre Gutheit und Offenheit im Herzen rührten. Oana, die mich in ihr Herz ließ und sich an meines lehnte... bis das Heroin kam. Und Massimo, der mir wie ein sicherer Hafen war, immer bereit, mich so zu nehmen wie ich war. Der mir die Möglichkeit gab, mich kreativ neu auszuprobieren, der an mich glaubte, mir einen Raum erschuf, in dem meine Bedürfnisse wichtig waren und wo ich mich ausruhen konnte; von meinen stürmischen, selbstzerstörerischen Reisen auf dem Meer....

Die PunkWelt war und ist für mich mein zu Hause, schwer zu verlassen.... Meine erste große Liebe, meine Leidenschaft. Der Grund, für den es zu leben und zu sterben lohnte, der Ort in dem ich Brüder und Schwestern fand. Eine Heimat für Heimatlose. Eine Gegenwart für Zukunftslose. Ein Zusammenhalt von ausgestoßenen, verlassenen, verkannten und vergessenen Wesen. Eine Freiheit für Verurteilte. Ein Ort der bunten, fröhlichen Farben auf BauwägenWänden, um des Vergessens Willen von grauen, traurigen Kinderzimmern. Ein Ort der Moral und Ethik für Gesetzeslose. Eine Welt für Lebenshungrige, Selbstzerstörerische und Hoffnungslose. ....Ein Ort, an dem Hass erlaubt ist!!! Ein gemeinsames Fest der Rache sprudelnd aus verstümmelten, getretener Sehnsucht und Wünschen, mit leidenschaftlichen, kreativen, feurigem Willen, gegen die Welt im Außen und sich selbst im Innern gerichtet. Die eigene Ungenügendheit feiernd und der Welt lachend, stolz und erhaben und frei vor die Füße kotzend.... Es ist ein Ort an dem Verlierer zu Gewinnern werden und doch verloren bleiben....

Es zieht in meinem Inneren, ich glaube, man nennt es Schmerz, wenn ich an dieses, mein erstes und bis jetzt einziges zu Hause denke, in das ich je vollständig eingetaucht bin... mehrmals fast darin ertrank und es jetzt mehr und mehr verlasse, wie einen alten Freund, der sich nicht weiterbewegt. Den ich mehr und mehr zurücklasse, dem nun Zähne fehlen im lachendem Mund.... tiefe Falten unter den traurig, weisen Augen, die sich geschworen haben, nie mehr nach innen zu schauen. Der sein Leben „Leben“ nennt, wobei er doch mehr und mehr stirbt.... Mit seinen offenen Armen und seinem dunklen Schatten rettete er mir das Leben, um mich aus blinder, guter Absicht mit dem Besten zu nähren, was er besaß; mit süßem Gift....was ich gierig schluckte....

Es tut mir so leid um diese gutgemeinte Welt, um diesen alten, treuen selbstzerstörerischen Freund, um alle die, die am Ende in ihm ertranken ... UND ich bin sooo dankbar, das es so war....


Warum ich nicht bleiben kann und immer mehr gehen muss?....weil ich wieder fühle.... Vor allem die Angst, die mir hin und wieder nachts pur und roh den Atem raubt, ich fühle die Verlorenheit, die Panik und den Wahnsinn, der wie ein Splitter in mir steckt und dass ich ganz allein auf der Welt bin, egal wie sehr ich mich an Weltanschauungen klammere. Dass ich aber deswegen nicht einsam und hungrig bleiben muss. Ich bin immer weniger fähig, meine Ungenügendheit anderen vor die Füße zu kotzen, weil ich auch sie immer mehr fühle. Ich fühle den Schmerz, die Demütigungen, die Einsamkeit aus meiner Kindheit.

Und ich trauere manchmal für kurze Momente unendlich tief um sie. Manchmal nehme ich meine Vergangenheit in den Arm und wiege sie wie ein Baby, das ganz allein ist und wartet, ganz still, dass endlich jemand kommt.... und jetzt komme ich.... Und es stimmt plötzlich nicht mehr, das niemand kommt.... es stimmt auch nicht mehr, dass ich vergessen bin und es stimmt nicht mehr, das mich niemand sieht wie ich bin und ich keine Zukunft und gesund- nährende Heimat haben kann....Ich finde so eine Heimat manchmal in mir, denn ich habe meine Gutheit wiedergefunden, weil es unter anderem einen Menschen gab, der sie erfühlt und sich an ihr festgebissen hat, wie eine GutheitsBulldogge, und sie zusammen mit mir hervorgezogen und gefühlt hat.... Also stimmt es auch nicht mehr, das ich ein verkanntes Wesen bin, denn ich erkenne mich selbst wieder und ich bin auch nicht mehr verloren, weil ich meine Sehnsucht und Wünsche auf diesen Weg, wenn auch angst-behaftet und zaghaft wiederfinde. So wird das Gegenteil wieder zum Echten.....

So passen meine erste großen Liebe und ich immer weniger zusammen und ich trenne mich jeden Tag ein bisschen mehr, trauernd und bedauernd, dankbar, mit schwerem und erleichterndem Herz, mit zaghaft wachsender ZukunftsHoffnung, ohne zu wissen, was kommt, aber mit kleiner, wackliger, wachsender Gewissheit, dass da draußen in der Welt etwas Großes auf mich wartet....


….dass vielleicht (Selbst)Liebe sein könnte.....



Mara (aus der Sicht meiner IP Marius)

Januar 2017





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