Körperlust zu Seelenbegehren transformieren


Ich möchte mich nach längerer Zeit des stillschweigenden Prozessessierens und des Austauschs ausschließlich in kleinem Kreise nun mal wieder mit einem Text zeigen und beteiligen. Vielleicht hast Du, liebe/r LesererIn, bereits einen meiner vorherigen Artikel hier in diesem Blog gelesen. Das könnte hilfreich und vertiefend aufschlussreich dabei sein, um diesen aktuellen Beitrag hier wirken zu lassen, weil Du dann genauer nachvollziehen kannst, auf welchen bisherigen inneren Wegen ich hierher gelangt bin.


Mich hat in den vergangenen Monaten die Frage umgetrieben, worauf Lust/Begehren/Verlangen eigentlich genau beruhen. Ich habe in meinem Prozess gemerkt, dass sich diese Gefühl tief und umfassend geändert und verlagert haben, obwohl sie doch auch irgendwie gleich geblieben sind. Das trieb mich dazu um, einmal zu versuchen, der Sache tiefer auf den Grund zu gehen, woher in uns eigentlich diese Gefühle od. inneren Zustände herrühren. Wo in uns ihre eigentliche Quelle ist. Und auch, ob es verschiedene Quellen geben kann. Sind diese Empfindungen rein körper- bzw. hormonbedingt? Sie sie herzbedingt? Seelenbasiert? Überwinden wir sie gänzlich, wenn wir spirituell "weit" genug sind? Ist es besser, wenn wir "sowas" nicht mehr fühlen?


Fast alle spirituelle Lehren sind sich ja offenbar darin einig, dass wir unsere Lust transzendieren müssen. Manche behaupten, sexuelle Gelüste hindern einen daran, zu erleuchten, weil sie einen zu sehr an das Körperliche anhaften lassen. Andere propagieren, Lust sei eine Sünde, welche verhindert, dass man in den Himmel kommt. Wieder andere sind überzeugt, dass es selbst im Jenseits schreckliche Szenarien für eben solche Seelen gibt, welche in ihrem irdischen Dasein sehr lustbezogen gelebt haben: Dass sie nämlich immer weiter an "Sex-Umstände" anhafteten; sich energetisch wie ein Spukgespenst in Bordellen oder bei Porno-Shootings aufhielten oder dir beim Masturbieren lüstern über die Schulter schauten und sich wünschten, sie hätten selbst noch ein physisches Geschlechtsteil und entsprechende Körperempfindungen.


Mich selber hat es geraume Weile in verschiedene Reaktionsrichtungen verschlagen, wenn ich diese Ausrichtungen und Überzeugungen gehört oder gelesen habe. Hier ist das, was sich mir dazu in meiner fortschreitenden Innenwelterforschung erschlossen hat:

Auf oben genannte Behauptungen aus der spirituellen Szene gab es in mir immer einen initialen Widerstand und eine Stimme von "Aber warum bin ich denn hier, in einem Körper, wenn das, was mein Körper dann u.a. fühlt, falsch und/oder sündhaft ist? Warum hat "Gott" sowas wie Erregung und Orgasmen erfunden, wenn es eine Sünde ist? Oder verboten? Oder mich dann gleichzeitig von "Gott" fernhält? Oder ich deshalb nicht erleuchten kann? Das ist doch Unfug!" Diese Regungen stammen vielleicht daher, dass Gott für mich persönlich kein Sadist zu sein scheint und ich persönlich habe noch nie an einen Teufel geglaubt, der mich auf die Probe stellt. Das fühlt sich für mich einfach nicht wahr und überzeugend an.


Andererseits war ich jedoch verlockt, diese spirituellen Argumente zu (be)nutzen, um mir die "Last der Lust" vom Hals zu schaffen. Zwischen Männern & Frauen wäre es bedeutend leichter ohne diese ständig mitschwingende Anziehungsvibration, oder nicht? Ohne die nagenden Fragen: "Will sie mich auch? Spürt sie, dass ich sie begehre? Hat sie geheime Fantasien über mich? Darf ich das fühlen, was ich fühle?"

Mir persönlich wäre es lange Zeit meines Erwachsenenlebens sehr willkommen gewesen, "das Ganze" einfach zu überwinden; transzendieren; hinter mir zu lassen. Das würde zweifelsfrei dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, oder nicht? Gerade im kreativen, künstlerischen Miteinander, in dem ich mich gern bewege, ist es furchtbar lästig, wenn "das" dann ständig irgendwie mitschwingt und im Weg steht. Wenn man "das" immer mühsam ignorieren muss, um fokussiert miteinander zu arbeiten und sich professionell dem zu widmen, wofür man nun mal zusammengekommen ist. Sei es nun ein künstlerisches Projekt oder ein wichtiges Gespräch; eine politische Entscheidung oder eine Lehrerkonferenz. "Das" scheint einen subtil und feinstofflich miteinander in Dynamiken zu verwickeln, die man oft sogar nicht mal bewusst wahrnimmt. Es bindet einen in Energieverstrickungen, die mit der Sache, der man sich eigentlich gemeinsam widmen wollte, absolut nichts zu tun haben und diese folglich stören.

Also war ich oberflächlich betrachtet wahrlich zerrissen zwischen "Ich möchte Lust aber genießen (dürfen)" und "Ja, wir sollten es alle überwinden, damit wir uns auf Wesentliches konzentrieren können. Lasst uns bitte endlich erwachsen werden und das hinter uns lassen." Tatsächlich und tiefer betrachtet war ich jedoch vor allem sehr verunsichert und verwirrt über dieses Thema und alle Empfindungen, Wünsche und Impulse, die damit einhergehen können.


In den letzten 1-2 Jahren meines Prozesses haben sich meine Fragen & Überlegungen dazu recht fundamental verändert. Es geht für mich nicht mehr um jenen Aspekt dieses Kapitels, ob Lust nun gut oder schlecht ist; ob wir sie genießen oder besser zu transzendieren sollten, sondern um den Unterschied zwischen isoliert-abgespaltener körperlich basierter Lust und seelenbezogenem Begehren. Für mich persönlich verändert das die Welt und deshalb dachte ich, ich setze mich mal wieder hin und verfasse ein kleines Essay, falls das auch andere bei ihrer Innenweltentdeckung beschäftigt.


Für mich fühlt es sich mehr und mehr so an, dass es die rein körperlich basierte Lust ist, die all jene Probleme erzeugt, von der auch spirituelle Schulen & Religionen predigen und vor welcher sie uns warnen. Die unbeseelte, unbezogene und beliebige Lust, die das individuelle Wesen ausblendet und sich auf Einzelkörperteile ausrichtet; sich an Teilaspekten eines Menschenkörpers aufgeilt; das Gegenüber wahllos und mit kaltem, unbewegtem Herzen konsumiert, ohne sich seelisch-gerichtet auf dieses spezifische Gegenüber in ihrer/seiner Ganzheit als Individuum zu beziehen. Eine Ausrichtung, die stets vor allem haben will, statt zu geben bzw. zu teilen. Besitzen, kontrollieren, vereinnahmen will, statt sich einzulassen und haben zu lassen.

Seelenbegehren hingegen ist keineswegs weniger lustvoll, im Gegenteil: Ich würde eher behaupten, es ist viel tiefer und intensiver; auch physisch/energetisch intensiver. Es umfasst und ergreift dich ganz, nicht lediglich deine Genitalien. Es ist ein Ganz-Seelen-Wollen, statt eine Ausrichtung, der es lediglich um schnelle und/oder leichte Befriedigung von v.a. neuralen Erregungen geht. Es ist ein tiefes Ergriffen und Erschüttert sein vom individuellen Gegenüber; ein dieses Wesen ganz sehen, erfassen und wollen. Ein dringendes "I want you to want me!"-Gefühl. Nicht, um Bestätigung für die eigene Attraktivität zu bekommen, sondern aus dem Bedürfnis heraus, das eigene dringende Wollen wahrlich mit diesem speziellen Anderen zu teilen. Das eigene Wollen mit dem Wollen dieses anderen verschmelzen und dadurch potenzieren zu lassen. Ein Begehren, das die Seelenessenz "heiß" findet und darauf basierend diesen spezifischen Körper begehrt, welcher das Seelenwesen aktuell irdisch ausdrückt. Ein drängendes Wollen, das sich nach all jenen verschiedenen tiefsten Wesensaspekten des anderen verzehrt. Ein lustvolles Sehnen danach, vom anderen in aller Vielschichtigkeit, die einen selbst ausmacht (im Männlichen, Weiblichen, Animalischen, Transzendenten/Göttlichen; im Zarten & im Wilden), ebenso unwiderstehlich gefunden zu werden. Ein bezogenes, auf dieses spezifische Individuum ausgerichtetes Verlangen, dass dich ganz einnimmt und ausmacht. Natürlich siehst du dann auch ihren/seinen Körper und er bereitet dir Lust, absolut und ungeleugnet. Ja, ich möchte in meinem Fall sogar behaupten, dass ich meine körperlich/energetische Lust tiefer und hemmungsfreier genießen und teilen kann als vor diesem inneren Shift. (Ich habe ja bereits in vorherigen Beiträgen davon erzählt, dass dieses Thema für mich durchaus kein selbstverständliches und von Natur aus freies Geschehen war.) Aber während das physische Erleben intensiv ist, ist die Quelle des Begehrens und Verlangens eben nicht die Körperlust, sondern die tiefe Intimität zwischen deiner Seele & der deines (geliebten) Gegenübers.


Daraus erschließt sich für mich, dass wir unsere Lust vielleicht wirklich nicht transzendieren, sondern uns innerlich zu einem tieferen, wahreren Startpunkt bewegen können und sollten. Denn mir scheint, wenn Begehren in Seelenessenz startet und dieser entspringt, ist körperliche Lust niemals ein Problem und sie steht nichts und niemandem im Weg. Sie kompensiert nicht mehr jene gähnende, schale Leere, welche beständig zurückbleibt, wenn wir lediglich Körperlust kennen und zu Seelenverlangen keinen Zugang haben. Körperlust verliert vollständig ihren Reiz als isolierte Empfindung, weil wir das Vollständigere nun kennen. Sie ist nun in tieferes Seelenbegehren natürlich integriert, statt isoliert unsere Empfindung zu einem Gegenüber zu bestimmen und dominieren.

Und das erscheint mir das Wichtige hierbei: Wenn wir in isolierter Körperlust fusioniert sind und diese von unserem Seele-Sein abgespalten haben oder in starkem Spagat zu sonstiger Beseeltheit/Spiritualität reine sexuelle Lust empfinden, haben wir keinerlei Zugang zu Seelenbegehren: Wir kennen nur körperliche Lust als sexuellen Impulsausdruck. Andersherum integriert sich jedoch physische Intensität ganz natürlich innerhalb von Seelenbegehren und steht dann auch in keinerlei Widerspruch dazu und bildet auch keinen Spagat dazu. Sie ist körperlicher Ausdrucksbestandteil des seelischen Verlangens und Wollens.





Anonym, November 2020