Über Liebe und Leidenschaft im Kontext von emotionaler Reife


Dieser Artikel ist getragen durch meine Beharrlichkeit, die Liebe zu finden, die Erkenntnis, dass mein Wille mir bisher dabei im Weg stand und die Demut in der zunehmenden Erkenntnis, dass eine romantische Liebesbeziehung etwas ist, was in keiner Weise kontrollierbar ist. Weiterhin zieht sich die Angst, die diese Tatsache mir macht, durch alles, was ich hier schreibe sowie alles, was ich in meinem täglichen Leben tue. Eine Angst, vernichtbar, auslöschbar zu sein, ein Nichts zu sein, ein Niemand. Die Angst, für immer alleine zu sein, wenn ich meine Kontrolle aufgebe.

Jedoch auch die Erfahrung, dass genau das nicht geschehen wird, die Erfahrung, dass ich genau dann aufhöre, alleine zu sein, wenn ich die Kontrolle aufgebe. Die zunehmende Erfahrung, dass mich die Kontrolle, die Liebe zu halten, zu erhalten genau von der Liebe abhält. Die Kontrolle wirkt hier wie eine energetische Mauer (gesteuert über das 3. Chakra), welche verhindert, dass ich mein Herz berühren lasse – und damit auch verhindere, dass ich das Herz meines Gegenübers tief berühren kann.

Was ist ein Selbst ohne Selbstbild? Was bin ich ohne mein Selbstbild? Ich bin ein Beziehungsmensch, also bin ich. Ich habe eine Liebesbeziehung, also führe ich ein – scheinbar – bedeutsames Leben. Eine solche „Bedeutung“ ist an Errungenschaften geknüpft. Messbar, ablesbar, kalkulierbar, bewahrbar, intensivierbar, kontrollierbar. Vernichtbar. Derartige Illusionen waren es, die mich getragen haben durch ein Leben voller Farce, voller Selbstbelügung. Durch ein Leben voller Kontrolle. Durch ein Leben, in welchem ich der festen Überzeugung war, dass ich mit meinem Willen alles kontrollieren kann, alles, jeden, sogar die Liebe, meine Liebespartnerinnen, meine Beziehungen, mein Leben. Nichts war heilig genug, um nicht kontrolliert werden zu können.

Ich lag falsch.

Was macht die Anziehung, die Magie und Magnetkraft zwischen zwei Menschen aus? Was ist dieses Unerklärliche, was zwischen zwei Menschen ist und was wir Liebe nennen? Was ist es in der tiefsten Tiefe der Seele? Was ist es, was uns, auch als essenziell durchgeheilte bzw. zunehmend geheilte Wesen, uns zu manchen Menschen mehr, zu anderen weniger hingezogen fühlen lässt, für manche Menschen Sympathie, für andere tiefe Freundschaft, für noch andere romantische Liebesgefühle entstehen lässt? Ich weiß es bis heute nicht. Es macht mich wahnsinnig, das nicht zu wissen. Es fühlt sich zutiefst bedrohlich an, das „Rezept“ der Liebe nicht zu kennen. Das macht jedoch ihre Existenz nicht weniger real. Ich existiere, ob ich mich nun erkenne als der, der ich bin oder nicht. Ich liebe, ob ich nun weiß, nach welchem Rezept oder nicht. Ich kann aber entscheiden, ob ich mich dieser Liebe hingebe oder ob ich sie verleugne, dosiere, kontrolliere.

Zu lieben, das ist etwas zutiefst Persönliches, Verletzliches. Jemanden lieben, das heißt auch, sich nackt zu zeigen, verletzlich zu machen, angreifbar, berührbar. Es heißt, sich mit seinem tiefsten Inneren zu zeigen, sein rohes Herz anzubieten. Es auf dem Tablett zu servieren. Zu riskieren, dass es abgewiesen wird, zerstückelt, zerfetzt, nicht gesehen. Lieben bedeutet, dass man auch riskiert, nicht zurückgeliebt zu werden. Es ist so leicht, dieses „Risiko“ als strategischen Grund zu nehmen, seine Liebe nicht oder nur dosiert zu transagieren – bzw. sich (teil)zuverweigern, seine Liebe für jemanden in voller Tiefe zu fühlen – beides aus der Illusion heraus, Liebe auf irgendeine Weise kontrollieren zu können.

Liebe, das ist zuerst einmal Selbstliebe – welche es mir überhaupt erst ermöglicht, jemanden zu lieben, ohne ihn / sie zu brauchen. Aus diesem Bewusstsein meiner Kostbarkeit und der Kostbarkeit meiner Liebe heraus habe ich keinerlei (gesunden) Impuls, mich mit meiner Liebe für genau ein Gegenüber in irgendeiner Weise zu verstecken oder sie zu verleugnen, auch wenn mir dies höllische Angst macht. Angst davor, dass ich mich derart bedingt-persönlich-bezogen zutiefst davon abhängig mache, dass meine Liebe auch beantwortet wird – im Gegensatz zu bedingungsloser Liebe.

Es braucht also wirklichen Mut, tiefe Berührbarkeit sowie die Bereitschaft, den inneren Fleck, aus dem dieses Liebe-Gefühl stammt, wahrhaftig-ehrlich auf emotionale Reife zu überprüfen. Es braucht schließlich Demut in dem Sinne, dass man keinerlei Kontrolle darüber hat, ob das stimmigste Ergebnis mit dem „gewünschten“ Ergebnis übereinstimmt, denn dieser Weg beinhaltet auch ganz real, gefühlt vernichtet zu werden, sollte das Gegenüber die eigene romantische Liebe nicht (mehr) erwidern – in welchem Fall es gesunderweise für einen selbst die Konsequenz hätte, seine Liebe nicht weiter in romantischer Form zu transagieren. Genau an diesem Punkt seiner Liebe treu zu bleiben, während man sie weiterhin in sich fühlt mitsamt allem Schmerz, aller Verzweiflung und Ohnmacht, welche damit einhergehen, ist auf absurdstimmig-wahrhaftige Weise der tiefste Ausdruck wahrer Selbstliebe.


Bin ich ein solchermaßen selbst-liebes-voller Mann, so will ich mich der Frau schenken aus einem Herzensgefühl, dass sie „meine Frau“ ist in dem Sinne, dass in mir die unbedingte Gewissheit oder zumindest ein eindeutiges Gefühl vorhanden ist, dass es eine wichtige offene Frage mit dieser Frau gibt, die sich dringlich genug anfühlt, dieser in einer tieferen gemeinsamen Erforschung nachzugehen. Diese innere Eindeutigkeit bzw. gefühlte (nicht kontrollierte, intensivierte) Dringlichkeit ist zunächst ein im Mann yinig-still vorhandenes, klares inneres Gefühl. Wenn der Mann von diesem inneren Fleck heraus yangig-nach-außengehend alles auf eine Karte setzt und die Frau claimed, so ist dies ein wahrhaft selbstliebes-voller Ausdruck seiner romantischen Liebe für genau diese Frau und seiner Bereitschaft, all sein Herzblut zu geben. Er nimmt diesen Mut aus einer Verbindung zu seiner innersten Wahrheit und tiefsten Liebe und Verbindlichkeit, sowohl zu der Frau seiner Herzenswahl als auch zu sich selbst. Aus dieser Gewissheit wird es für den Mann mit zunehmender emotionaler Heilung immer natürlicher, seine Leidenschaft über sein Herz zur Frau zu transagieren, ihr seine Leidenschaft über sein Herz anzubieten – einzigartig-genau-sie-meinend-persönlichbezogen und damit zutiefst bedeutungsvoll. Genau diese Mischung aus Leidenschaft, tiefster Verbindlichkeit sowie dem demutsvollen Bewusstsein darüber, auf die Antwort der Frau auf seine Leidenschaft angewiesen zu sein, fühlt sich für den Mann zutiefst ohnmächtig an. Das hat Männer bisher allzu oft dazu verleitet, (scheinbar) die Kontrolle zu behalten, indem sie in archetypenspezifisch-individueller Art die ´gewünschte Antwort´ herbeizwingen durch Wut, Drohung, Manipulation, Unwiderstehlichkeit, Geld, jedwede Form von (Macht-) Missbrauch – oder stattdessen die eigene, verbindliche Leidenschaft mit Beliebigkeit verraten, sie hinter Romantik- und Bedeutungsintensivierung verschleiern oder sie hinter Gott verstecken.


Für die Frau ihrerseits bedarf es ebenso viel Mut, diesen Tanz mitzutanzen. Will die Frau die Leidenschaft des Mannes tiefst-möglich einlassen, so muss sie es riskieren, sich von ihrem stillen, yinigen inneren Brennen für genau diesen Mann fluten zu lassen. Sie muss sich abhängig machen davon, dass der Mann ihr Brennen beantwortet. Aus einer inneren Gewissheit, dass es ihr tiefster Wunsch ist, von genau diesem Mann berührt zu werden – oder gar keinem. Auch diese stille, yinige Hingabe fühlt sich zutiefst ohnmächtig und abhängig an, weshalb Frauen bisher allzu oft dazu verleitet werden, (scheinbar) die Kontrolle zu behalten, indem sie in archetypenspezifisch-individueller Art auf ihr inneres Brennen hin agieren, es aktiv anbieten, verstärken, damit verführen (ggf. incl. Rehaugenaufschlag), den Mann erobern, ihn unterwerfen – oder aber ihm hinterherdackeln, sich ihm unterwerfen, sich ihm willenlos hingeben – oder alles Weiblich-Sinnliche hinter Gott verstecken.

Es ist jedoch genau diese nicht-kontrollierte Eindeutigkeit, Ausweglosigkeit, was Monogamie in ihrer tiefsten Tiefe bedeutet. Ein Handeln aus der Gewissheit heraus, dass es sich lohnt, sich derart vernichtbar zu machen, da nur so die tiefste Tiefe zwischen zwei Menschen erlebbar bzw. auslotbar ist. Lässt sich die Frau derart verletzlich von der Leidenschaft des Mannes in ihrem Herzen fluten, so ist es genau diese Verbindlichkeit und Eindeutigkeit, welche die tiefste Leidenschaft im Schoße der Frau entfacht. Es gibt kein größeres Geschenk für einen Mann als zu fühlen, dass die Frau seiner Herzenswahl derart tief und verbindlich für ihn brennend seine Leidenschaft über ihren Schoß beantwortet und damit den Kreis vollendet.

Ich habe diesen Artikel geschrieben als Ausdruck meines Versprechens, mich – wenn mein Licht irgendwann hell genug brennt – als Leuchtturm zur Verfügung zu stellen für alldiejenigen, welche auf der Suche sind nach ihrem inneren Mut, aus der Welt der primären Macht und Kontrolle in die Welt der primären Liebe zu segeln. Für all diejenigen, welche sich zunehmend berührbar, verletzlich und eindeutig zeigen möchten, welche ihre Liebe für ihre Bestimmung und / oder ihr tiefstes Gegenüber wiederentdecken wollen, um sich in ihrer Liebe und Leidenschaft wieder zu (er)leben und diese zu transagieren.

Liebe Simône^(Iona), lieber Jan (Leon), ich hätte den Weg zur zunehmenden Entdeckung meiner inneren Essenzen ohne Euch nicht gehen können. Eure unermüdliche Hilfe auf diesem oft zähen und steinigen Weg erfüllt mich immer wieder mit einer Mischung aus Berührtheit, Glück und Dankbarkeit und es ist für mich das schönste aller Geschenke, auf diesem Weg in Simône über die Jahre so viel mehr als eine Lehrerin und Facilitatorin gefunden zu haben. Lieber Jan, Deine rigorose und auf gesunde Weise kompromisslose Integrität gepaart mit Deiner Weite und Liebesfülle hat mir in vielen Momenten das gegeben, was mir von meinem Vater verwehrt geblieben ist – Papaliebe und –nahrung sowie ein gesundes, reifes Vorbild von und für Männlichkeit. Gleichzeitig fühle ich mit zunehmendem Nachreifen den zart-sprießenden (und noch sehr angstbesetzten) Wunsch, auch mit Dir das, was neben einer Lehrer- / Facilitator Ebene noch an tiefer Verbundenheit fühlbar ist mehr zu leben.


GastBeitrag von Daniel, September 2016

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